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Über die kritische Betrachtungsweise der Bibel durch Gläubige

von Denny R. Walter
(13. April 2009)

Einleitung

Wenn ich mit Gläubigen diskutiere und meine Argumente auf Grundlage der Bibel formuliere, wird mir von den liberaleren unter ihnen oft vorgeworfen, die Bibel zu wörtlich zu nehmen. Sie sind sich bewußt, daß die Bibel nicht das unmittelbare Wort Gottes ist, sondern eine Sammlung von Schriften, die sich über mehrere Jahrhunderte entwickelt haben und dann zusammengetragen wurden. Die Bibel, so argumentieren sie, erhebt nicht den Anspruch, historisch korrekt zu sein, weshalb man Fehler und Widersprüche in ihr nicht heranziehen kann, um die Existenz Gottes zu leugnen.
Über diese Art von Glaube, bei der die Bibel als Dokument der Zeitgeschichte betrachtet wird, soll es in der folgenden Abhandlung gehen. Ich werde mich dabei primär auf die Christen beziehen, da ich eine solche Sichtweise vor allem von ihnen kenne. Das Ziel meines Schreibens soll sein, aufzuzeigen, daß ein derartiger Glaube in sich betrachtet unlogisch ist und keinen Sinn macht und daß es nur die Alternative gibt, die Geschichten in der Bibel tatsächlich als real anzusehen oder den Glauben an den Gott Israels bzw. den christlichen Glauben ganz sein zu lassen.

Die zwei Arten von Christen

Die bibelgläubigen Christen sehen die Bibel als ein zuverlässiges Zeugnis der Geschichte Gottes mit den Menschen an. Sie nehmen die Teile der Bibel, die in Form von Geschichten geschrieben sind, wörtlich. Sie glauben somit, daß Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat, daß Adam der erste Mensch war und im Garten Eden den Sündenfall herbeiführte. Sie glauben, daß die Sintflut real stattfand und nur acht Personen sie überlebten. Abraham ist für sie eine historische Person, der Auszug der Israeliten aus Ägypten ein historisches Ereignis. Die Gesetze der Torah sind wirklich von Gott diktiert und von Mose aufgeschrieben worden. Die Texte in den Prophetenbüchern und die Geschichten in den sonstigen Schriften der hebräischen Bibel stellen allesamt zuverlässige Tatsachenberichte dar. Genauso verhält es sich mit dem Neuen Testament: Jesus wurde tatsächlich von einer Jungfrau geboren, er hat Wunder vollbracht, ist leiblich von den Toten auferstanden, den Jüngern als Mensch aus Fleisch und Knochen erschienen und in den Himmel aufgefahren. Aus dem Himmel heraus hat er Paulus bekehrt und einige Jahre später ist er Johannes erschienen, um ihn über die Endzeit aufzuklären. Die Bibel ist für diese Christen also, abgesehen von den poetischen Büchern wie Psalmen oder Sprüche und abgesehen von den Briefen des Neuen Testaments, ein Geschichtsbuch. Eine Auflistung realer Geschehnisse der Geschichte Gottes mit seinem Volk und mit seiner Gemeinde.
Bei den liberalen Christen ist das anders. Sie sehen die Bibel eher historisch-kritisch: Die Schöpfungsgeschichte ist ein im Babylonischen Exil entstandener Text, der als Gegenprodukt zur dort bekannten heidnischen Schöpfungsgeschichte gedacht war. Adam ist ein Symbol für die Menschheit an sich und keine einzelne Person. Die Sintfluterzählung ist wahrscheinlich eine übertriebene Darstellung einer lokal stattgefundenen Flut oder ebenfalls eine Neuerzählung von aus den Nachbarländern bekannten Flutmythen. Abrahams Historizität ist bestenfalls umstritten und der Auszug aus Ägypten hat wahrscheinlich nie stattgefunden. Beides sind Mythen, die erfunden wurden, um den Israeliten als Volk eine Hintergrundgeschichte zu geben. Die Gesetze der Torah sind von Priestern erdachte Regeln des täglichen Lebens, die man Gott zugeschrieben hat, um ihnen eine besondere Autorität zu verleihen. Und auch die restlichen Ereignisse im Tanach, von den Christen Altes Testament genannt, sind nicht wörtlich zu nehmen, sondern haben hier und da vielleicht etwas Historisches, stellen aber im wesentlichen die theologisch gefärbte Interpretation weltlicher Ereignisse und Erfahrungen der Menschen der damaligen Zeit dar. Im Neuen Testament ist es dann ähnlich: Die jungfräuliche Geburt basiert auf einem Übersetzungsproblem durch die Verfasser der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, wo das Wort, das „junge Frau“/„Fräulein“ bedeutet, in einer Prophezeiung mit dem Wort für „Jungfrau“ übersetzt wurde, was dann vom Evangelisten Matthäus, der offenbar nur die griechische Version des Tanach und nicht das hebräische Original hatte, als Anlaß genommen wurde, für Jesus die Geschichte von der jungfräulichen Geburt zu erdichten, Jesu Wunder wurden ihm zugeschrieben, um seine von Gott gegebene Vollmacht zu verdeutlichen. Die Auferstehung und das darauffolgende Erscheinen Jesu bei den Jüngern sind im Nachhinein projizierte Glaubensaussagen ohne Anspruch darauf, historisch wirklich so abgelaufen zu sein. Die Geschichte von Jesu Himmelfahrt soll nur verdeutlichen, daß Jesus jetzt Mittler für die Menschen bei Gott im Himmel ist. Die Bekehrung des Paulus ist eine Geschichte, um seinen Status als Apostel zu legitimieren, da er Jesus zu dessen Lebzeiten nicht gekannt hat. Und die Offenbarung des Johannes ist eine inhaltlich auf das Buch Daniel anspielende Trostschrift für die verfolgten Christen im Römischen Reich.
Natürlich gehen nicht alle liberalen Christen soweit, alles zu relativieren. Vor allem, was die heilsnotwendigen Kernpunkte des Christentums angeht, der Glaube an Jesus als Sohn Gottes und Messias und der Glaube an Kreuzigung, Tod und Auferstehung Jesu, sind auch viele liberale Christen bereit, diese Dinge als historische Wahrheiten anzuerkennen, obwohl sie so Sachen wie die Schöpfungsgeschichte und die Geschichte der ersten Menschen trotzdem noch als rein mythologisch betrachten. Doch es gibt eben auch Christen, wenn man sie überhaupt noch Christen nennen kann, die selbst diese absolut zentralen Dinge des Christentums, an denen sich eigentlich der Unterschied zwischen Gläubigen von Ungläubigen festmacht, ins Reich der Mythen verlegen und Jesus lediglich als einfachen Wanderprediger ansehen, aber sich trotzdem zum christlichen Glauben bekennen. Doch egal, wie weit ein liberaler Christ geht, ob er die gesamte Bibel als Mythensammlung betrachtet oder ob er nur einzelne Teile aus ihr nicht glauben kann, während er andere als tatsächliche Wahrheit anerkennt, in beiden Fällen macht es eigentlich keinen Sinn, daß diese spezielle Person noch gläubiger Christ bleibt. Denn der Glaube an einen Jesus Christus funktioniert nur, wenn man mindestens die Historizität des gesamten Kanons der hebräischen Gesetzes- und Prophetenbücher sowie die zentralen christlichen Lehren anerkennt. Wieso das so ist, werde ich im folgenden Abschnitt erklären.

Wieso der christliche Glaube ohne Historizität der biblischen Geschichten nicht funktioniert

Für meine Behauptung habe ich im wesentlichen zwei Ansätze: Der Ansatz der Frage nach der Grundlage des Glaubens und der schriftbezogene Ansatz.

Der Ansatz der Frage nach der Grundlage des Glaubens

Wieso glauben bibeltreue Christen an Gott? Sie glauben an ihn, weil sie den Schreibern der Bibel darin vertrauen, selbst mit Gott gesprochen zu haben oder zuverlässig von Leuten zu berichten, die mit Gott gesprochen haben. Adam und Eva haben laut Bibel mit Gott gesprochen. Ihre Söhne Kain und Abel hatten ebenfalls direkten Kontakt mit ihm. Ebenso Noah. Jahrhunderte später erschien Gott mehrmals Abraham, dem Stammvater der Israeliten. 600000 israelitische Männer plus Frauen und Kinder haben beim Auszug aus Ägypten Gottes Wunder gesehen uns seine Stimme am Berg Sinai gehört. Mose hat mit ihm von Angesicht zu Angesicht gesprochen. Nach Meinung der bibelgläubigen Christen gab es also genug Menschen, die unmittelbaren Kontakt mit Gott hatten und von denen ein guter Teil schriftliche Zeugnisse hinterließ. Angefangen bei Mose, der seine Gesetze aufschrieb, bis hin zu den Propheten des Tanach, die ihre Bücher oft aus Sicht der ersten Person schrieben und ganz konkret berichteten, wie das Wort Gottes zu ihnen kam. Im Neuen Testament sind es die Nachfolger der Apostel, oder die Apostel selbst, die Berichte über das Leben Jesu verfassen und dort Erinnerungen an die Zeit hineinbringen, als Jesus noch auf der Erde war. Somit hat der Glaube der bibeltreuen Christen eine feste Grundlage: Die Bibel wird als Zeugnis derer angesehen, die selbst Kontakt mit Gott hatten. Und deshalb wird geglaubt, daß Gott real existiert.
Aber was ist jetzt mit den liberalen Christen? Wenn man anerkennt, daß die biblischen Bücher, in denen Geschichten stehen, nur Fiktion wiedergeben, und daß die prophetischen Bücher, in denen Menschen ihre Erlebnisse mit Gott schildern, nur einfache Träume, überhöhte Interpretationen von völlig natürlichen, irdischen Dingen oder schlicht und einfach selbst ausgedacht sind, wo bleibt dann noch die Grundlage des Glaubens? Ein Bibeltreuer glaubt an Gott, weil er denkt, daß Abraham, Mose und Jesaja höchstpersönlich mit Gott gesprochen haben. Aber wieso glaubt ein Liberaler, der ablehnt, daß Abraham und Mose jemals existiert haben, und der zugibt, daß das Buch Jesaja von mindestens zwei verschiedenen Personen geschrieben wurde, noch an Gott? Wo ist seine Glaubensgrundlage? Welchen Grund hat er, am Glauben an den Gott der Bibel festzuhalten, wenn die Bibel für ihn nur eine Sammlung von Mythen ist? Wäre die logische Schlußfolgerung hier nicht, den Glauben an diesen Gott aufzugeben?
Ich meine, Christen glauben nicht an Odin oder Vishnu. Und wieso nicht? Weil sie die Geschichten über diese Götter als Mythen erkannt haben. Weil es für sie keinen Anhaltspunkt gibt, daß diese Götter irgendetwas anderes als bloße Fiktion sind. Ein bibelgläubiger Christ sagt sich: „Ich glaube nicht an Odin und an Vishnu, weil die Edda und die Veden nichts weiter als alte Märchenbücher sind. Aber ich glaube an den Gott Israels, weil der uns sein reales Wort durch echte Propheten hinterlassen hat.“ Folglich müßte doch aber ein Christ, der die Bibel als ebenso mythologisch wie die religiösen Texte der Heiden ansieht, analog dazu sagen: „Ich glaube nicht an Odin und an Vishnu, weil die Edda und die Veden nichts weiter als alte Märchenbücher sind. Und ich glaube nicht mehr an den Gott Israels, weil sein angeblich reales Wort, hinterlassen durch angeblich echte Propheten, auch nichts weiter als alte Mythen sind.“ Ich habe das nie verstanden: Wie kann man an Gott glauben, den man eigentlich nur aus der Bibel kennt (alle Leute, die Texte schreiben, die sonst noch über Gott berichten, kennen ihn ja im Endeffekt ebenfalls nur aus der Bibel), wenn man die Bibel als zusammengebastelte, historisch nicht korrekte Mythensammlung ansieht?
Man stelle sich hierzu ein Vergleichsbeispiel vor: Nehmen wir an, bei archäologischen Ausgrabungen werden Überreste von Texten gefunden, die über einen uns bisher unbekannten Herrscher eines Landes berichten. Dann mag die Forschung anfangen, zu ergründen, was das für ein Herrscher war. Anhand der Textfunde wird versucht, seinen Herrschaftsbereich zu ermitteln und die Zeit, in der er gelebt und regiert hat. Dann irgendwann werden weitere Texte gefunden, die diesen Herrscher erwähnen, und das Puzzle fügt sich immer weiter zusammen. Doch plötzlich stellt sich heraus: Die Texte sind gar keine Dokumente, die von einem realen Herrscher sprechen, sondern sie sind Teile einer Geschichte, die einfach nur dazu diente, zu unterhalten. Am Ende ist bekannt, daß kein einziges über diesen Herrscher gefundenes Schriftstück als reales Zeitzeugnis einzusortieren ist, sondern 100 % der Textfragmente zu dieser Geschichte gehören. Frage: Zu welchem Schluß kommt man? Kommt man zu dem Schluß, daß besagter Herrscher trotzdem „irgendwie“ existiert hat, obwohl alle Texte, die von ihm sprechen, in den Bereich der Phantasie einzuordnen sind? Wohl kaum. Sondern man kommt zu dem Schluß, daß es diesen Herrscher nie gegeben hat, da ja der einzige Zusammenhang, in dem er erscheint, eine als fiktiv gedachte Geschichte ist. Genauso sollte es mit Gott auch gehandhabt werden:
Die Christen in den letzten Jahrhunderten haben an Gott geglaubt, weil sie die Bibel für ein zuverlässiges Zeugnis seiner Existenz hielten. Wenn aber die Bibel als Tatsachenbericht ausscheidet und nur fiktionale Geschichten enthält, wieso ist die Schlußfolgerung der Christen, die das erkennen, nicht die, daß Gott nicht existiert? Wir kennen Gott nur aus der Bibel. Hätte es nie eine Bibel gegeben, würden wir von diesem Gott und seiner Geschichte wahrscheinlich nichts wissen. Und die Leute glaubten an Gott, weil sie meinten, er hätte sich in der Bibel offenbart. Wenn man nun erkennt, daß er sich in der Bibel nicht offenbart hat, weil die Bibel kein Offenbarungs-, sondern ein Mythenbuch ist, haben wir überhaupt keine Offenbarung von ihm. Aber das bedeutet, daß wir nicht den geringsten Anhaltspunkt für seine Existenz haben und der Gott Israels ebenso mythologisch-fiktiv ist wie Odin, Vishnu, Zeus, Ra oder Baal. Wieso also können liberale Christen mit der Diskrepanz leben, an einen ganz konkreten Gott zu glauben, obwohl sich alles wesentliche, was sie über diesen Gott wissen, als ausgedacht herausgestellt hat?

Mögliches Zwischenargument

Nun mögen einige von diesen Christen sagen: „Na gut, ich glaube zwar nicht an die ganzen Geschichten aus dem Alten Testament. Aber ich glaube, daß es sich bei Jesus um den Sohn Gottes handelt, der wahrhaftig von den Toten auferstanden ist. Und Jesus hat uns diesen Gott bekannt. Hätte ich also nur das Alte Testament, würde ich Gott vielleicht auch nur als Mythos ansehen. Aber mein Glaube gründet sich ja auf dem, was Jesus gepredigt hat, der uns Gott als real bezeugte. Und von Jesus glaube ich wiederum durchaus, daß all die übernatürlichen Dinge, die ihn betreffen, Auferstehung, Himmelfahrt etc., tatsächlich real passiert sind.“ Mit solchen Christen, die zwar die Geschichten des Tanach zu einem großen Teil als ahistorisch ablehnen, aber Jesus für den real vom Tode auferstandenen Sohn Gottes halten, befasse ich mich unter anderem im nächsten Unterpunkt.

Der schriftbezogene Ansatz

Welche Ansichten hatten Jesus, seine Jünger und die ersten Christen zu den jüdischen religiösen Schriften? Die Antwort ist recht eindeutig: Sie haben die geschilderten Begebenheiten zumindest aus der Torah und den Prophetenbüchern als reale, historische Ereignisse angesehen. Hierzu möchte ich zuerst die Aussage Jesu zitieren, die verdeutlicht, daß er die alten Schriften als legitim anerkennt und nicht verwirft, um sie durch neue Offenbarungen zu ersetzen:

17 Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.
18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.
(Matthäus 5:17–18)

Nun gut, diese Stelle besagt erstmal nur, daß Jesus die jüdischen Schriften anerkennt, obwohl hier noch nicht gesagt wird, wie wörtlich er sie nimmt. Doch schon im nächsten Vers wird seine Haltung dazu deutlicher:

Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.
(Matthäus 5:19)

Daß Jesus seine Zuhörer warnt, keines der Gebote der Torah aufzulösen, um im Himmelreich als groß zu gelten, ist ein klarer Beleg dafür, daß er diese Gesetze als wahre Gesetze Gottes anerkennt und nicht als simple Lebensregeln, die sich irgendwelche Priester irgendwann mal ausgedacht haben. An anderer Stelle wird diese Grundhaltung Jesu bestätigt:

1 Da kamen zu Jesus Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem und sprachen:
2 Warum übertreten deine Jünger die Satzungen der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen.
3 Er antwortete und sprach zu ihnen: Warum übertretet denn ihr Gottes Gebot um eurer Satzungen willen?
4 Denn Gott hat geboten (2. Mose 20,12; 21,17): »Du sollst Vater und Mutter ehren; wer aber Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben.«
5 Aber ihr lehrt: Wer zu Vater oder Mutter sagt: Eine Opfergabe soll sein, was dir von mir zusteht,
6 der braucht seinen Vater nicht zu ehren. Damit habt ihr Gottes Gebot aufgehoben um eurer Satzungen willen.
7 Ihr Heuchler, wie fein hat Jesaja von euch geweissagt und gesprochen (Jesaja 29,13):
8 »Dies Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir;
9 vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts als Menschengebote sind.«
(Matthäus 15:1–9)

Hier stellt Jesus ganz klar das von Menschen gemachte Gesetz, die Satzungen der Ältesten, dem Gesetz Gottes, der Torah, gegenüber. Würde er die fünf Bücher Mose als Menschenwerk ansehen und nicht als Gottes eigenes Wort, würde diese Stelle keinen Sinn ergeben, in der er die Pharisäer kritisiert, eigene menschliche Gesetze zu entwickeln und dabei das Gesetz Gottes zu übergehen. Für Jesus gab es also keine historisch-kritische Sichtweise zu den Geboten der Torah. Sie waren für ihn nichts weniger als das wahrhaftige Gesetz Gottes.
Doch was ist jetzt mit den Geschichten? Immerhin wäre es ja möglich, daß Jesus den Gesetzesteil der Torah tatsächlich als von Gott diktiert ansieht. Aber das muß ja nicht auch zwangsläufig bedeuten, daß die ganzen Geschichten, die in der Torah und den restlichen Schriften stehen, in gleicher Weise von Gott sind. Immerhin ist denkbar, daß Mose die Gesetze aufgeschrieben hat, nur die Gesetze, ohne Handlung drumherum, und daß dann die späteren Schreiber diese Gesetze übernahmen und in eine Geschichte verpackten, so daß zwar die Gebote heilig sind, aber Geschichten wie die vom Garten Eden oder von der Sintflut trotzdem einen rein mythologischen Charakter haben. Nun, dann sehen wir uns mal weitere Aussagen Jesu an:

34 Darum: siehe, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; und von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und einige werdet ihr geißeln in euren Synagogen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern,
35 damit über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, von dem Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Secharja, des Sohnes Berechjas, den ihr getötet habt zwischen Tempel und Altar.
36 Wahrlich, ich sage euch: das alles wird über dieses Geschlecht kommen.
(Matthäus 23:34–36)

Jesus nennt Abel, den ersten Menschen, der getötet wurde, und Secharja, einen Propheten Gottes, der in 2. Chronik 24:20–22 erwähnt wird, und sagt, daß das Blut dieser und anderer unschuldig hingerichteter Leute über die Pharisäer und Schriftgelehrten kommen soll. Das zeigt, daß Jesus Abel, den Sohn Adams, als reale historische Person ansieht und nicht als mythologische Gestalt.
Auch Noah und die Sintflut sind für Jesus nichts Fiktives:

37 Denn wie es in den Tagen Noahs war, so wird auch sein das Kommen des Menschensohns.
38 Denn wie sie waren in den Tagen vor der Sintflut – sie aßen, sie tranken, sie heirateten und ließen sich heiraten bis an den Tag, an dem Noah in die Arche hineinging;
39 und sie beachteten es nicht, bis die Sintflut kam und raffte sie alle dahin –, so wird es auch sein beim Kommen des Menschensohns.
(Matthäus 24:37–39)

Er vergleicht die Endzeit und das Kommen des Menschensohns mit der Sintflut. Und genau, wie das Kommen des Menschensohns von Christen als real zu erwartendes Ereignis aufgefaßt wurde, so hat sich Jesus hier auch bei der Sintflut auf ein für ihn reales Ereignis bezogen.
Doch damit nicht genug. Die Historizität Abrahams war für Jesus ebenfalls selbstverständlich, oder wie sollen die Christen sonst im Himmelreich auf ihn treffen?

11 Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;
12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.
(Matthäus 8:11–12)

Soviel zu den Personen aus der Torah.
Mit den Prophetenbüchern ist es nun nicht anders:

13 Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht.
14 Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9–10): »Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen.
15 Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt: ihre Ohren hören schwer, und ihre Augen sind geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe.«
(Matthäus 13:13–15)

Jesaja wird also als echter Prophet Gottes, der Weissagungen tätigen konnte, anerkannt.
Genauso verhält es sich mit Jona und Salomo:

38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen.
39 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.
40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.
41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.
42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.
(Matthäus 12:38–42)

Wo steht hier auch nur die geringste Andeutung, daß sich Jesus bei seinem Vergleich auf mythologische Charaktere bezieht? Im Gegenteil, er beschreibt, wie Personen aus diesen Geschichten beim Jüngsten Gericht zusammen mit den Zuhörern Jesu auftreten werden.
Jesus war übrigens nicht allein in seiner Ansicht, daß die hebräischen biblischen Schriften wörtlich und historisch zu verstehen sind. Seine Jünger taten es ihm gleich. Adam wurde genauso als realer Mensch angesehen wie Jesus selbst:

21 Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.
22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.
(1. Korinther 15:21–22)

Ebenso Abraham:

13 Denn als Gott dem Abraham die Verheißung gab, schwor er bei sich selbst, da er bei keinem Größeren schwören konnte,
14 und sprach (1. Mose 22,16–17): »Wahrlich, ich will dich segnen und mehren.«
15 Und so wartete Abraham in Geduld und erlangte die Verheißung.
(Hebräer 6:13–15)

Und natürlich Mose:

Als aber Michael, der Erzengel, mit dem Teufel stritt und mit ihm rechtete um den Leichnam des Mose, wagte er nicht, über ihn ein Verdammungsurteil zu fällen, sondern sprach: Der Herr strafe dich!
(Judas 9)

Und es waren nicht nur die Christen, die die biblischen Personen als absolut real ansahen. Auch den Juden wäre es fern gewesen, in Mose nur eine Mythengestalt und in der Torah lediglich Menschengesetz zu sehen:

9 Da standen einige auf von der Synagoge der Libertiner und der Kyrenäer und der Alexandriner und einige von denen aus Zilizien und der Provinz Asien und stritten mit Stephanus.
10 Doch sie vermochten nicht zu widerstehen der Weisheit und dem Geist, in dem er redete.
11 Da stifteten sie einige Männer an, die sprachen: Wir haben ihn Lästerworte reden hören gegen Mose und gegen Gott.
12 Und sie brachten das Volk und die Ältesten und die Schriftgelehrten auf, traten herzu und ergriffen ihn und führten ihn vor den Hohen Rat
13 und stellten falsche Zeugen auf, die sprachen: Dieser Mensch hört nicht auf, zu reden gegen diese heilige Stätte und das Gesetz.
14 Denn wir haben ihn sagen hören: Dieser Jesus von Nazareth wird diese Stätte zerstören und die Ordnungen ändern, die uns Mose gegeben hat.
(Apostelgeschichte 6:9–14)

Es ist also gut genug bezeugt, daß Jesus, die ersten Christen und die Schreiber des Neuen Testaments sowie die Juden jener Zeit die Geschichten der hebräischen Bibel als historisch ansahen. Was die Schreiber der Texte des Tanach selbst im Sinn hatten, kann ich nicht sagen. Möglicherweise wollten sie tatsächlich nur Mythen verfassen, die gar nicht den Anspruch erhoben, daß man an sie glaubt. (Wobei sich mir in dem Fall wieder die Frage stellt: Wieso sollte man dann an Gott glauben, wenn alle Geschichten über ihn von vornherein nur als Fiktion gemeint waren?) Möglicherweise waren sie aber doch so gedacht, daß man sie für Tatsachenberichte hält. Ich kann es nicht genau sagen. Wie auch immer, wichtig ist nur eines: Jesus und die ersten Jünger und überhaupt alle Gläubigen der damaligen Zeit haben die Texte der Torah und der Propheten als reale Glaubenszeugnisse, als Berichte über tatsächlich stattgefundene Ereignisse anerkannt. Genauso ist die reale Auferstehung Jesu eine absolute Notwendigkeit, damit der christliche Glaube etwas wert ist. Sie kann nicht in den Bereich der Mythologie verfrachtet werden, denn dann hätten wir genau die Situation, die schon Paulus kritisierend anspricht:

12 Wenn aber Christus gepredigt wird, daß er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten?
13 Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden.
14 Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.
15 Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen.
16 Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden.
17 Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden;
18 so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren.
19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
(1. Korinther 15:12–19)

Und nun gibt es für einen Menschen in Bezug auf den christlichen Glauben eigentlich nur zwei Alternativen: Entweder er tut es Jesus und den Jüngern gleich und glaubt an die Historizität der Geschichten aus der jüdischen Bibel sowie an die Auferstehung Jesu. Oder er lehnt dies ab, was in Konsequenz aber bedeutet, daß er den christlichen Glauben auch gleich ablehnen kann. Denn die Kombination, die alten Geschichten nicht als historisch anzusehen und Jesus trotzdem als wahrhaftigen Sohn und Gesandten Gottes zu betrachten, macht keinen Sinn. Denn Jesus hat die Geschichten als historisch betrachtet und wenn der Gläubige es nicht tut, dann wirft er Jesus implizit vor, sich geirrt zu haben. Wenn sich Jesus aber in einem theologischen Punkt irrte, kann er nicht der Sohn Gottes sein, was den christlichen Glauben dann wieder nutzlos macht.

Zusammenfassung und Abschlußworte

Ich hoffe, ich konnte darlegen, daß es keinen Sinn macht, Christ zu sein und die Bibel gleichzeitig historisch-kritisch zu betrachten. Die zentrale Figur des Christentums ist Jesus und dieser hat die Geschichten der hebräischen Bibel als buchstäblich aufgefaßt. Wer dies nicht ebenso tut, der kann den Glauben an Jesus genausogut aufgeben. Es macht keinen Sinn, von einem mythologischen Grundton der Bibel auszugehen und trotzdem gläubig zu bleiben. Denn als Sohn Gottes ist Fehlerlosigkeit in Bezug auf religiöse Themen absolut notwendig. Somit muß Jesus entweder recht gehabt haben, als er Personen wie Noah, Abraham und Mose als real behandelte. Oder er hatte unrecht. Wenn er aber unrecht hatte, ist der christliche Glaube überflüssig. Dann war Jesus nicht der Sohn Gottes, sondern höchstens ein einfacher Wanderprediger. Dann ist es unsinnig, in seinem Namen Gebete an Gott zu richten.
Es gibt nur zwei logische Möglichkeiten: Entweder man ist Christ und glaubt somit an die gesamte Torah, die gesamten Prophetenbücher und an die zentralen Lehren des Christentums. Oder man kann an diese Dinge nicht glauben und müßte sich dementsprechend vom Christentum abwenden, da der eigene Glaube den Ansichten von Jesus widerspricht und man somit nicht mehr von einer theologischen Unfehlbarkeit Jesu ausgeht, die aber für einen Gottessohn absolut notwendig ist.
Das ist auch der Grund, wieso ich als Atheist die verschiedenen Religionen immer anhand ihrer heiligen Schriften kritisiere und mich nicht darauf einlasse, von einer liberalen, schriftkritischen Sichtweise auszugehen. Denn eine religiöse Sichtweise, die selbst dem festgelegten Glaubenskanon der höchsten Autorität der entsprechenden Religion widerspricht, ist nichtmal intern schlüssig und eliminiert sich somit bereits von selbst. Oder wie Jesus es so schön sagte:

[…] Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen.
(Matthäus 12:25)

Also, Ihr Christen, die Ihr die Bibel kritisch betrachtet: Ihr solltet Euch entscheiden: Entweder Ihr akzeptiert, daß Euer Messias die Bibelstellen, die Ihr selbst für Fiktion haltet, als historische Berichte ansah und tut es ihm gleich. Oder Ihr akzeptiert, daß Jesus ein einfacher Mensch mit dem begrenzten Wissen seiner Zeit war, der nicht ahnte, daß die Bibelgeschichten nicht der Realität entsprechen, und merkt, daß damit Euer ganzer Glaube null und nichtig geworden ist, da Ihr nicht dem Sohn Gottes anhängt, sondern einem einfachen Prediger, von denen es Tausende gab und gibt. Natürlich könnt Ihr auch so weitermachen wie bisher, die Bibel kritisch betrachten und Jesu Worte trotzdem für der Weisheit letzten Schluß halten. Aber in diesem Fall lebt Ihr mit einem internen Widerspruch. Ob Ihr das wollt? Nun, auch das ist Eure Entscheidung. Aber dann wundert Euch nicht, wenn sich Kritiker Eurer Religion weiterhin auf die Bibel berufen und Eure merkwürdige persönliche selbstwidersprüchliche Sichtweise nicht in ihre Betrachtungen mit einbeziehen, da diese wenig mit dem zu tun hat, wofür das Christentum ursprünglich, zur Zeit Jesu und der ersten Gemeinden, stand.

Zusatzworte für Gläubige nach jüdischem Vorbild

Im Christentum ist Jesus die höchste menschliche Autorität und er hat ganz klar festgelegt, daß er Torah und Propheten anerkennt. Somit kann ein Christ diese nicht ablehnen. Im jüdischen Glauben und im Glauben derer, die das Judentum als wahre Religion Gottes anerkennen und das Christentum ablehnen, gibt es da etwas mehr Freiheit. Während im Christentum einer der letzten Gesandten die höchste Autorität ist, ist diese Autorität im Judentum der chronologisch erste Prophet, der etwas niedergeschrieben hat, nämlich Mose. Das heißt, während die Christen den Tanach nicht so ohne weiteres verwerfen können, ohne einen inneren Widerspruch zu erzeugen und mit ihrem Messias uneinig zu werden, ist es den Juden oder den Heiden, die den jüdischen Glauben anerkennen, noch relativ leicht, gewisse biblische Schriften abzulehnen und trotzdem intern konsistent zu bleiben. Denn wenn ein Jüdischgläubiger zum Beispiel bestimmte Prophetenbücher ablehnt, widerspricht das dem Glauben an die Torah ja nicht automatisch, da sie für sich selbst steht. Doch auch für diese Leuten sollte es natürlich wichtig sein, eine feste Grundlage für den eigenen Glauben zu haben. Im Judentum sind das die Gesetze der Torah, die als ewiges Gesetz Gottes für sein Volk angesehen werden. Wer als Jude oder Jüdischgläubiger diese Gesetze als Menschenwerk abtut, sollte sich ebenfalls die Frage stellen: „Worauf gründet mein Glaube eigentlich? Auf welcher Offenbarung basiert er? Wieso glaube ich, daß der Gott Israels existiert, während alle anderen Götter bloß Fiktion sind?“

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